Credit Crunch
Credit Crunch – wie Lebensmittelprodukte und Lebensmittelhändler von der Krise profitieren
In Deutschland scheint die Krise bei den Konsumenten noch nicht richtig angekommen zu sein. Unterschiedliche Indikatoren zeigen, dass sich das Ausgabeverhalten der Menschen trotz Krise nicht richtig verändert hat. GREY Stimmungsbarometer und GfK Konsumklima.
Darüber freuen sich natürlich die Lebensmittelbranche und der Lebensmittelhandel.
Anders sieht es in England aus, wo historisch gesehen die Krise 6 bis 8 Monate früher eingesetzt hat als in Deutschland. Wie ändert sich also das Consumer Mindset in der Krise und wie können Lebensmittelhersteller und Lebensmittelhändler davon profitieren?
Zusammengefasst, kann man vier Veränderungen feststellen:
1.:
Menschen empfinden eine nostalgische Sehnsucht nach besseren Zeiten und konsumieren auch gerne Produkte, die sie an diese Zeiten erinnern. „Comfort food“ ist dabei ganz groß im Rennen und Marken, die Konsumenten an die guten alten Zeiten und sogar Kindheit erinnern, haben Hochkonjunktur (Mushy Peas, Birds Eye Potatoe Waffles).
Marken wie Hovis nutzen diese Nostalgie, um ihre Marke emotional aufzuladen. Trotz Rezession erhöhen sie den Umsatz in 2008 um 13%.
2.:
Mit der Krise erleben wir eine Rückkehr der wahren Werte.
Menschen besinnen sich auf das was wirklich wichtig ist im Leben: Familie, Freunde und Freizeit. Laut einer TNS Emnid und Statista Befragung sehen 68% der Männer zwischen 18 und 49 Jahre „Soziale Bindung“ als der wichtigste Aspekt in ihrem Leben.
Nur noch 12% antworten „Beruflicher Erfolg und Geld“. Mit seiner neuen Kampagne „Open Happiness“ greift Coca-Cola indirekt diesen Trend auf und zeigt wieder Menschen, die zusammen das Leben feiern.
3.:
In schwierigen Zeiten ziehen sich Menschen gerne in die Sicherheit der eigenen vier Wände zurück. Restaurants werden nicht mehr so oft besucht, man kocht lieber Zuhause. Der englische Lebensmittelhersteller Waitrose macht sich das zunutze, indem er seinen Kunden eine neue Produktlinie von Fertiggerichten mit dem cleveren Namen „As good as going out“ anbietet.
Für 10 Pfund hat man schon ein gutes Dinner for Two.
4.:
Last but not least, in einer Welt, die sich ständig beschleunigt und wo keiner weiß, wem er vertrauen kann, müssen Marken mehr denn je dem Menschen Orientierung geben. Sainsburry gibt den Menschen mit der Kampagne „Feed your Family for a fiver“.
Orientierung, indem sie ihnen nicht nur günstige Produkte mit der Eigenmarke bietet, sondern ihnen zudem wertvolle Tipps und Ratschläge erteilt, wie sie mit diesen Produkten ein leckeres Essen für die Familie zubereiten können. Da die Menschen heutzutage oft überfordert sind, sendet Sainsburry den Kunden die Anregungen per Mail zu.
Die Krise hat den Appetit der Menschen noch nicht verdorben und das ist gut so.
Im Gegenteil, die Krise scheint den Lebensmittelhandel erfinderisch zu machen.
Wenn Sie weitere und innovative Wege aus der Krise für Lebensmittelhersteller oder Händler kennen, dann freue ich mich auf ihre Kommentare.
Auch in Japan findet ein Wandel des Konsum- und inbesondere des Einkaufsverhaltens bedingt durch die Krise statt. Die großen Supermarktketten leiden darunter, dass zunehmend weniger größere Mengen von Lebensmitteln auf Vorrat gekauft werden.
Man kauft mehr und mehr die täglich notwendigen Dinge in kleineren Märkten nebenan ein die durchgehend geöffnet haben. Dieses neue Konzept wird “Konbini” genannt. Dies ist die japanisierte Version von “convenient”.
Auch die Schrumpfung der der japanischen Bevölkerungzahl und deren zunehmende Veralterung schlägt sich in der Palette der angebotenen Waren und Packungen nieder. So werden mehr und mehr Produkte (Öl, Mehl, Zucker, etc.) in kleineren Gebinden/Mengen angeboten, die besonders für ältere und Single Haushalte deutlich praktischer sind, da nicht nach Ablauf des MHD die Hälfte der Menge weggeworfen werden muss.
Hallo Carsten,
vielen Dank für den Input, wirklich sehr interessant!
Hast du vielleicht auch mal einen Link? Würde gerne noch bißchen was darüber lesen!
Schöne Grüße
André
Hallo Carsten,
danke für die Information. Das Konzept “Konbini” finde ich spannend. Hast du konkrete Beispiele von Marken, die dieses Konzept für sich nutzen. Weißt du, ob Japan aufgrund dieser Entwicklung eine Renaissance des “Tante Emma” Ladens erlebt?
Schöne Grüße
Alessandro
Es ist schon eine Renaissance von Tante Emma, allerdings in einem erweiterten Konzept der Produktpalette, die neben Essen und Trinken auch Alltäglichkeiten wie Briefe versenden, Handy auflagen u.v.m. umfassen kann.
Ich bin mir nicht sicher, ob bestimmte Produktmarken verstärkt ihre Markenausrichtung in diese Richtung fokussieren. Bei den Handelsketten ist zu beobachten, dass neben den japanischen Anbietern auch zunehmend amerikanische Ketten in diesen Markt treten.
Hier noch einige Links zu dem Thema, einer davon aus einer interessanten persönlichen Sicht.
http://www.welt.de/print-welt/article642879/Im_Konbini_ist_der_Kunde_immer_Koenig.html
http://www.tagesschau.de/ausland/konbini100.html
http://www.japanlink.de/ll/ll_land_konbini.shtml
Hi Carsten, vielen vielen Dank für die Links!
Wirklich sehr interessant und danke für deine wirklich sehr qualitativ hochwertigen Kommentare!
Übrigens ist das “Konbini”-Phänomen” (Japanisierung von fremdsprachlichen Begriffen, insbes. aus dem Englischen) nur ein kleines Beispiel von vielen. Weitere finden sich hier:
http://de.wikipedia.org/wiki/Gairaigo#Wasei-Eigo
http://www.nzz.ch/nachrichten/international/you_und_die_illusion_der_gleichheit_1.746986.html