Die “fetten Jahre” sind vorbei – Haben Tageszeitungen noch eine Zukunft?
„You’ve meant the world to us“ mit diesen Worten verabschiedete sich der Seattle Post-Intelligencer nach 146 Jahren von seinen Lesern – kein Einzel-Schicksal. San Francisco droht sogar, die erste US-Metropole ohne seriöse Tageszeitung zu werden.
Anders als in Europa finanzieren sich amerikanische Tageszeitungen hauptsächlich über Werbeeinnahmen aus dem klassischen Printgeschäft. Gerade hier sparen Unternehmen jedoch in der Rezession. Zudem macht die Kostenlosmentalität des Internets den Verlegern zu schaffen. Vor allem die junge Generation ist nicht bereit für Informationen zu bezahlen, die sie im Internet schneller, umfassender und zudem kostenlos erhält.
Die amerikanische Zeitungsbranche hat die Zeichen der Zeit wohl erkannt und besinnt sich wieder auf die ureigenen Wurzeln. Getreu dem Motto „näher am Menschen“ konzentrieren sich amerikanische Tageszeitungen wieder auf regionale Berichterstattung. Dahinter steht die Erkenntnis, dass sich Menschen vor allem dafür interessieren, was sie direkt betrifft.
US-Zeitungen setzen daher auf eine verstärkte Einbeziehung der Leser bei der Auswahl und Gestaltung von Themen und nutzen dafür vor allem ihre Onlinepräsenz. Online-Zeitungen wie die Huffington Post, haben es vorgemacht. Entscheidend für die Zukunft der Printausgaben wird sein, ob Tageszeitungen es schaffen die lokale Berichterstattung zu beleben und eigene Themen zu besetzen. Mehr Informationen darüber, wie cross-mediale Modelle die Tageszeitung der Zukunft beeinflussen werden, findet ihr hier und hier.
Angesichts einer immer größer werdenden Zahl von Informations- und Unterhaltungsangeboten, fühlen sich viele Internetnutzer durch die Informationsflut schlichtweg überfordert. Tageszeitungen können sich in einer immer schneller drehenden Welt als wertvolles Rückzugsgebiet positionieren. Dazu müssen sie dem Leser aber mehr Orientierung bieten und die Welt erklären. Damit sind aber nicht ellenlange Artikel mit vielen Details gemeint, sondern vielmehr die Herausarbeitung der Konsequenzen für die Lebenswelt der Leser.
Deutsche Zeitungsverlagen droht vor allem der Verlust von jungen Lesergruppen. Zu unhandlich, unübersichtlich, altmodisch, zeitintensiv, sind nur einige der genannten Attribute. Dass sich die Umstellung auf kleinere Formate wirklich lohnt, bewies der „Independent“. Nach der Umstellung auf das Tabloid-Format, konnten vor allem Frauen (plus 49 Prozent) und junge Leser (plus 27 Prozent) hinzugewonnen werden.
Fazit: Trotz aller Probleme in den USA ist die gedruckte Zeitung für deutsche Verlagshäuser eine Cashcow, die genügend Milch gibt, aber sie magert ab. Die “fetten Jahre” sind vorbei! Deshalb jedoch gleich das Aus der Tageszeitung anzukündigen halte ich für verfrüht. Im Jahr 2006 erzielte die Deutsche Bahn ihr höchstes Betriebsergebnis in der Konzerngeschichte und erzielte einen Gewinn von 1,7 Milliarden €. Obwohl es in Deutschland mittlerweile über 55 Millionen Kraftfahrzeuge gibt – oder etwa gerade deshalb? Die Autobahnen sind meistens verstoppft, lange Staus die Folge. Viele bevorzugen deshalb und auch aus anderen Gründen die Fahrt mit der Bahn. Eine Erfolgsgeschichte die Zeitungsverlagen mut machen sollte. Tageszeitungen werden ihren Platz in der multimedialen Welt finden. Die Public-Press, eine bisher reine Online-Zeitung aus San Francisco, bereitet gerade den Schritt ins klassische Print-Geschäft vor – die Zeitung ist tot, es lebe die Zeitung!